Herzensmenschen

Der stumme Wächter der Rushhour

Wir alle haben dieses eine morgendliche Ritual. Zwischen dem ersten hastigen Kaffee und dem Einparken vor dem Büro gibt es diese Momente, in denen die Welt kurz stillsteht – meistens an einer roten Ampel oder eben in jener einen Straße, die ich jeden Tag passiere. Und da steht er. Mein persönlicher „Morning Star“ von Trier.

Er steht vor seinem Haus. Jeden Tag. Fast zur gleichen Zeit. Manchmal schwingt er hingebungsvoll den Besen, als gälte es, den Asphalt auf Hochglanz zu polieren. Manchmal steht er aber auch einfach nur da und schaut – vielleicht prüft er den Trierer Himmel auf Regenwolken oder er zählt die Autos, die wie bunte Perlen an ihm vorbeiziehen.

Das Phantom mit dem Besen

Mittlerweile gehört er zu meinem Arbeitsweg wie die Porta Nigra zur Innenstadt. Wir haben uns angefreundet, ohne jemals ein Wort gewechselt zu haben. Ein kurzes Nicken, ein gehobener Zeigefinger am Lenkrad – die stumme Kommunikation zweier Seelen im Berufsverkehr. Er kennt mein Auto, ich kenne seine Jacke. Und wenn er mal nicht da ist? Dann schleicht sich dieses leise, melancholische Gefühl ein. Geht es ihm gut? Hat er verschlafen? Ist der Besen kaputt? Man sorgt sich fast schon wie um einen alten Onkel.

Die Stimme zum Bild

Letztens wurde aus dem Stummfilm plötzlich ein Tonfilm. Er kam über die Straße gelaufen, klopfte vorsichtig an meine Scheibe und wies mich mit einer überraschend sanften Stimme darauf hin, dass meine Beifahrertür nicht richtig eingerastet sei. Ein kurzer Moment echter Fürsorge im grauen Asphalt-Dschungel. Jetzt kenne ich also seine Stimme.

Eines Tages, das habe ich mir fest vorgenommen, halte ich an. Dann parke ich das Auto einfach am Rand, vergesse die Deadline und frage ihn nach seiner Geschichte. Irgendwann. Wenn der Alltag mal kurz die Luft anhält und Platz macht für ein echtes Gespräch. Bis dahin bleibt er mein Herzensmensch auf Zeit – der Mann, der den Morgen ein bisschen sicherer macht.